Kirche/Liturgie

Predigt von Allerheiligen 2015 (Pfr. Rupert Toferer, Kössen/Schwedt)

Wenn wir von der Heiligkeit sprechen, dann meinen wir oft,

dass sie nur eine Sache für einige wenige ist. Das II. Vatikanische Konzil, das vor 50 Jahren endete, hat in Erinnerung gebracht, dass alle Christgläubigen jeglichen Standes oder Ranges zur Heiligkeit berufen sind. Unsere Berufung zur Heiligkeit hat ihren Ursprung in der Taufe, in der uns Gott bereits geheiligt hat. Das Konzil hat es nicht gescheut zu sagen, dass wir durch die Taufe bereits heilig geworden sind, indem wir Anteil an der göttlichen Natur erhalten haben. Es sagt aber auch, dass wir die Heiligung, die wir empfangen haben, mit Gottes Gnade im Leben bewahren und zur vollen Entfaltung bringen müssen (LG 40). Die Heiligkeit ist also vergleichbar mit einem Paket, das wir bei der Taufe empfangen haben und das wir im Leben auspacken müssen. Dieses Paket ist nichts anderes als der Dreifaltige Gott selber, der durch die Taufe in uns wohnt. Er möchte sein göttliches Leben in uns zur Entfaltung bringen. Heiligkeit besteht daher nicht so sehr in unserer eigenen Anstrengung, sondern in unserer Fähigkeit sich für das Wirken Gottes in uns zu öffnen.

In der ersten Lesung haben wir von einer großen unzählbaren Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen gehört, die in weißen Gewändern vor dem Thron Gottes standen. Es sind die, die in der Bedrängnis dem Glauben an Christus treu geblieben sind und die ihre Gewänder im Blute des Lammes weiß gemacht haben. Diese Stelle besagt, dass die Heiligen nicht von Natur aus perfekte Menschen sind, sondern diejenigen sind, die in ihrem Leben für das Wirken Jesu offen waren, die gerne die reinigende Wirkung des Blutes Christi in den Sakramenten annehmen und sich so von ihm verwandeln lassen. Christus möchte sein Leben in uns zur Entfaltung bringen. Sein Leben ist vor allem das Leben der Liebe. Die Heiligkeit ist daher die Verwirklichung der Gottes- und Nächstenliebe in unserem Leben. Die Liebe liegt auch den Haltungen zugrunde, die Jesus im Evangelium seligpreist.

Arm sein vor Gott ist gelebte Liebe zu Gott. Denn arm sein vor Gott gleicht der Beziehung eines kleinen Kindes zu seinen Eltern. So wie ein Kind ganz auf die Zuwendung der Eltern angewiesen ist, ist sich der Mensch, der vor Gott arm ist, bewusst, dass er von ihm abhängig und auf seine Zuwendung angewiesen ist.

Oder wie ein Kind den Eltern keine Leistungen vorweisen muss, um von ihnen geliebt zu sein, weiß sich auch der Mensch, der vor Gott arm ist, ohne Bedingungen von Gott geliebt. Die Liebe leuchtet auch in jenen Menschen auf, die keine Gewalt anwenden, die barmherzig sind, die Frieden stiften, und die um Jesu willen beschimpft und verfolgt werden.

Im Jugendkatechismus heißt es: „Heilige sind Liebende – nicht weil sie es so gut können, sondern weil Gott sie berührt hat. Sie geben die Liebe, die sie von Gott erfahren haben auf ihre eigene oft originelle Weise an die Menschen weiter“ (Nr. 132).

Auf originelle Weise hat das Ehepaar Zélie und Louis Martin, die Eltern der heiligen Theresia vom Kinde Jesu, die Liebe, die sie von Gott empfangen haben, an die Menschen weitergegeben. Papst Franziskus hat sie am 18. Oktober dieses Jahres im Rahmen der Bischofssynode zur Ehe- und Familienpastoral heiliggesprochen. Marie Zélie und Louis Martin sind das seltene Beispiel eines heiliggesprochenen Ehepaares. Die beiden Eheleute aus Lisieux wollten ursprünglich selbst in einen Orden eintreten. Zélie wurde wegen ihrer schwachen Gesundheit abgewiesen, und von Louis verlangten die Augustiner, vor dem Klostereintritt Latein zu lernen. Sein Sprachstudium musste er jedoch wegen Krankheit abbrechen. Die beiden lernten einander 1858 kennen und heirateten nur drei Monate später. Wegen der starken Hinneigung zum Ordensleben wollten sie zunächst eine sogenannte „Josefsehe“ führen, mithin auf eine sexuelle Beziehung verzichten. Später entschieden sie sich auf Anraten eines Beichtvaters anders und bekamen neun Kinder von denen nur fünf das Erwachsenenalter erreichten, alles Töchter, alle sind sie Ordensfrauen geworden. Papst Franziskus sagte bei der Predigt zur Heiligsprechung des Ehepaares: Die heiligen Eheleute Louis Martin und Marie-Azélie Guérin haben den christlichen Dienst in der Familie gelebt, indem sie Tag für Tag eine Umgebung voller Glauben und Liebe aufbauten; und in diesem Klima sind die Berufungen ihrer Töchter aufgekeimt, darunter auch die der heiligen Thérèse vom Kinde Jesu“.

Liebe Brüder und Schwestern!

Wir sehen am Beispiel dieses heiligen Ehepaares, dass alle in ihrem Lebensstand berufen sind heilig zu werden. Möge es uns auf die Fürsprache der vielen Heiligen gelingen für das Wirken Gottes in unserem Leben offen zu sein. Möge sich die Heiligkeit, die wir in der Taufe empfangen haben, entfalten und so auch durch uns viel Licht und Liebe in die Welt hineinkommen. Amen.

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